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25.05.2013 | Dortmund

"Ist doch scheißegal"

© reggae-interviews.de 2013
Foto: Roughhouse


Roughhouse ist Frühaufsteher. Jeden Morgen um 7 Uhr ist er hellwach. Also ist es alles andere als ein Problem für den 39-Jährigen Sänger und Bassisten von Rhaatid, um halb zehn in der Früh über einen seiner neuen Songs zu sprechen. "Scheißegal" hat im Netz und beim Ruhr Reggae Summer in Dortmund bereits für Furore gesorgt. Roughhouse spricht mit uns unter dem Motto "One Song" über den neuen Tune, über seine Wurzeln, über seine Einstellung zur Musik und ein neues Album. Und - über Fußball.


Roughhouse, wie ist dein neuer Song "Scheißegal" zustande gekommen?


roughhouse Ich mache jeden Dienstag im Dortmunder Bam Boomerang eine offene Show. Ich nutze das als Probentag, um neue Songs zu spielen. Jeden Dienstag sind neben bekannten auch neue Künstler dabei, die eine Plattform kriegen zum Performen. Damals, als der Song entstand, hatte ich eine junge Sängerin eingeladen, Deborah. Sie ist auch aus Dortmund, ein bisschen schüchtern, aber sie hat eine schöne Stimme. Sie wollte ein zweites Lied singen, wusste aber nicht mehr, welches. Ich habe zu ihr gesagt, "mach' einfach irgendwas - ist doch scheißegal". Dann fing ich an, einen Freestyle zu machen: "Sie hat den Text vergessen, aber scheißegal."


Das war die erste Zeile?


roughhouse Genau. "Die Leute klatschen trotzdem, ist doch scheißegal. Du kannst singen was du willst, ist doch scheißegal. Die Leute lieben dich trotzdem, ist doch scheißegal." Ein Kollege hat das Ganze mit einer Kamera aufgenommen. Ich habe das gesehen und dachte, wow, das ist was besonderes. In zwei Tagen habe ich dann den Text gemacht, erst auf englisch, und der Kollege hat übersetzt.




Das Lied spiegelt deine Einstellung wieder, positiv zu denken?


roughhouse Absolut. Erst war es ja nur ein Freestyle. Als ich angefangen habe, den Text zu schreiben, ging es in eine andere Richtung. Die meisten Menschen in Deutschland sind sehr nett. Aber mir ist aufgefallen, dass sie erst gut drauf sind, wenn die Sonne scheint und alles wunderschön ist. Die Leute vergessen, dass es uns hier auch sonst sehr gut geht. Es gibt keinen Krieg, alle haben etwas zu essen, unsere Gesellschaft läuft. Nicht wie in anderen Ländern. Deshalb frage ich die Leute, wo ihr Spaß am Leben ist. Lächeln! Du wachst morgens auf, der Wecker klingelt, du willst aber weiterschlafen. Ist doch scheißegal. Du hast den Zug verpasst, und sagst dann, "Scheiße, ich komme zu spät" - klar, aber du kommst nicht zu spät, du bist schon zu spät (lacht). Ich sage, mach dich doch einfach mal locker und genieße das Leben. Ich versuche, ein bisschen Spaß in den Alltag zu bringen. Es ist schon so alles ernst genug. In Jamaika würden sie sagen, "no problem", das bedeutet das gleiche: "scheißegal".


© Roughhouse
Foto: Roughhouse | Youtube


"Die Leute vergessen, dass es uns hier auch sonst sehr gut geht. Es gibt keinen Krieg, alle haben etwas zu essen, unsere Gesellschaft läuft."




Auf deinem kurzen Livevideo vom Ruhr Reggae Summer sieht man eine Menge positive Resonanz auf "Scheißegal".


roughhouse Um ehrlich zu sein, habe ich nichts anderes erwartet. Dieser Song hat eine unheimliche Energie. Schon mit dem ersten Takt haben die Leute angefangen zu tanzen. Als ich im Studio das Voicing gemacht habe, war das schon die gleiche Energie. Es gibt ein Geheimnis, wie ich meine Songs aufnehme. Ich werd's dir sagen (lacht). Ich nehme immer ohne Kopfhörer auf. Die Speaker sind laut. Viele sagen, dann hört man doch den Sound übers Mikro. Na klar - aber wenn man mischen kann, ist das kein Problem. Hauptsache, ich bin nicht beschränkt in meinen Bewegungen. Ich springe und tanze beim Singen. Meine Energie geht dann direkt in den Song.


Aufgrund der guten Resonanz willst du noch ein richtiges Video nachlegen.


roughhouse Wir wollen noch eins drehen. Ich versuche, ein bisschen Geld über Spenden zusammenzukriegen, weil ich keine Plattenfirma habe. Spätestens Ende Juni soll das fertig sein. Jeder Satz wird ein Take. Das wird eine schöne Geschichte.


Du machst gerne außergewöhnliche Dinge. Wer dich das erste Mal mit Rhaatid gesehen hat, kann nur geflasht gewesen sein. Ist es für dich wichtig, das Reggae-Ding in eine andere Richtung zu bringen?


roughhouse Wichtig ist mir das schon. Ich bin Künstler. Ich bin Musiker. Ich fühle mich sehr kreativ. In meinem Kopf schwirren jeden Tag neue Lieder. Alle Musiker haben verschiedene Verbindungen, und ich habe eine Botschaft. Viele Leute, die Rockmusik hören, hören keinen Reggae. Und viele, die Reggae hören, keinen Rock. Wenn ich meine Botschaft bei mehr Menschen rüberbringen will, nehme ich ein Element vom Rock und ein Element vom Reggae. Dadurch sind beide zusammengeführt.


Sind eigentlich schon mal Konzertbesucher zu dir gekommen, die gesagt haben, dass eure Musik zu rockig für Reggae ist?


roughhouse Nein, das ist nie passiert. Die Leute kamen und haben direkt "wow" gesagt. Es gab viele, die meinten, sie hätten vorher keinen Reggae gehört, aber jetzt würden sie es. Und andersherum haben viele keinen Rock gehört. Die haben dann gesagt, seit Rhaatid geht das.



© Roughhouse
Foto: Roughhouse | Youtube


"Wenn ich auf deutsch singe, soll das auch zeigen, dass Deutschland meine zweite Heimat ist."




Mit dieser Vermischung bist du schon weit vorne gewesen. "Scheißegal" ist dein erstes Lied auf deutsch. War das eine Umstellung?


roughhouse Es war eine Herausforderung. Ich habe Deutsch nicht in der Schule gelernt, sondern mit Unterstützung von meinen Freunden. Mein Wortschatz ist groß, aber die Grammatik ist immer noch ein bisschen schwer für mich. Einen Song auf deutsch zu machen ist für mich auch ein Tribut an die Sprache. Ich finde, jeder, der in ein anderes Land kommt, muss die Sprache lernen. Mindestens, um an der Kommunikation teilnehmen zu können. Wenn ich auf deutsch singe, soll das auch zeigen, dass Deutschland meine zweite Heimat ist. Ich liebe Deutschland und danke allen für das, was ich hier gelernt habe. Ich bringe dafür ein bisschen jamaikanisches Flair mit und ein bisschen Spaß (lacht).


Das hört man. Ist es für dich was anderes gewesen, einen stampfenden Partytune statt nachdenklicher Roots-Songs zu machen?


roughhouse Nein, nein. Ich hab es ja vorher gesagt - ich bin nicht begrenzt in meiner Kreativität. Mein Kopf funktioniert wie das Universum. Es gibt kein Ende. Wenn mir Sachen gefallen, kann ich mich direkt hineindenken. Ich bin dann auch entspannt, weil das ganze ein Teil von mir ist.


Das heißt, man könnte dir jetzt ein Stichwort geben, und du würdest daraus direkt einen Song machen?


roughhouse Meine Art zu freestylen unterscheidet sich von anderen. Freestyle kann auch reden sein. Während wir reden, sind schon zwei, drei Lieder da. Man muss sie nur in Form bringen. Alles ist da. Die meisten anderen Musiker denken in Reimen. Das ist aber nicht die Art und Weise, wie man im Alltag spricht. Man redet sehr einfach. Die besten Lieder sind die ohne Reime.


© Roughhouse
Foto: Roughhouse

"Manche kommen seit 100 Jahren mit der gleichen Show, mit den gleichen Sätzen an der gleichen Stelle. Die Leute müssen anfangen, solche Artists auszubuhen."




Wie würde sich denn ein Song aus unserem Gespräch anhören?


roughhouse Nehmen wir zum Beispiel noch mal die Frage, wofür "Scheißegal" steht. Ich denke immer zuerst auf englisch. (beginnt zu freestylen) The way people are living is not normal these days, they don't have fun in life. They try to stray away from reality and what they really want to - be. It's scheißegal, just let life flow. Creativity belongs to - me. In my head and in my blood, I was born with it in my DNA. Just come and flow with me and my creativi-ty... (lacht). Für mich ist das einfach alles da, ich brauche nicht darüber nachzudenken.


Das liegt unter anderem an deiner langen Vergangenheit als Musiker.pp
roughhouse Als ich angefangen habe, Bass zu spielen, war ich neun Jahre alt. Irgendwie muss ich begabt gewesen sein, denn mit zwölf war ich schon professioneller Bassspieler.


Mit wem hast du damals gespielt?


roughhouse Mit Jimmy Cliff, mit Ken Boothe, mit Toots and the Maytals, mit Prezident Brown oder mit Garnett Silk.




Woher kommt dein Talent?


roughhouse Das liegt vielleicht auch an meinem Vater, der Gitarrist bei Dennis Brown und Peter Tosh war. Und ein Arzt hat mir mal gesagt, dass ich ein fotografisches Gedächtnis habe. Ich muss einen Song nur einmal spielen, dann habe ich ihn drauf. Manchmal ist das, als würde mir jemand eine Leinwand hinhalten. Das ist abgefahren. Ich denke dann schon fast, dass ich ein bisschen weird bin (lacht). Zum Sänger bin ich erst in den vergangenen sechs Jahren geworden, hier in Deutschland.


Ist es auch ein Unterschied zu anderen Artists, dass du nicht nur Sänger, sondern eben Musiker bist, der ein Instrument spielt?


roughhouse Auf jeden Fall. Ich war beim Ruhr Reggae Summer und habe mir ein paar von den Dancehallartists angesehen. Manche kommen seit 100 Jahren mit der gleichen Show, mit den gleichen Sätzen an der gleichen Stelle. Das hat das Publikum nicht verdient, das ist ignorant. Die Leute in Deutschland müssen anfangen, solche Artists auszubuhen. Die Leute zahlen viel Geld für das gleiche, was man bei Youtube sehen kann. Das ist nicht cool!


Wann gibt es denn ein neues Album von dir?


roughhouse Ich habe ziemlich viel Material. Ich mache eigentlich jeden Tag ein neues Lied.


Und was machst du dann mit den ganzen Songs?


roughhouse Ich lasse sie erstmal liegen. Wenn die richtige Zeit kommt, damit das Publikum sie hört, dann wird es auch soweit sein. Es ist wie beim Wein. Ein guter Wein muss auch ein bisschen reifen. Mein Song "Nice up di Dance" (vom Album "Love Divine", r-i.de) ist ein gutes Beispiel. Den habe ich 2001 geschrieben, aber vorher gab es einfach nicht den richtigen Moment, ihn zu veröffentlichen.


© Roughhouse
Foto: Roughhouse


"Viele machen Fast-Food-Musik für Fast-Food-Hörer. Du hast etwas gegessen, wirst aber nicht richtig satt."




Das ist die Einstellung von Beres Hammond, der sagt, dass es nicht gut ist, ständig Songs rauszuhauen.


roughhouse Das Lied ist dann noch nicht geformt, es ist premature. Viele machen Fast-Food-Musik für Fast-Food-Hörer. Du hast etwas gegessen, wirst aber nicht richtig satt.


Wie bemerkst du den richtigen Moment?


roughhouse Ich fühle, was die Leute brauchen, und wann die Gesellschaft welchen Song braucht. Ich mache die Musik nicht für mich selbst, sondern für die Menschen. Du wirst in meinen Liedern nie hören, dass ich gegen irgendwelche Leute bin. Die Energien von Liebe und Hass passen nicht in einen Raum. Es funktioniert nicht, Feuer und Wasser in einer Schüssel aufzubewahren (lacht).


Kommen wir noch mal zurück zu deinen aktuellen Zukunftsplänen.


roughhouse Ich habe ein Album in der Schublade namens "Peace and Inspiration". Das ist etwas ganz besonderes. In diesem Jahr habe ich dazu schon drei Videos auf Jamaika aufgenommen.


Wann soll es rauskommen?


roughhouse Gute Frage. Ich habe auf jeden Fall Lust, im kommenden Jahr ein neues Album rauszubringen. Jetzt will ich erstmal "Scheißegal" pushen und mit Rhaatid touren. Wir sind international unterwegs, sogar in Tschechien und Russland. Ich mache die neuen Sachen auch hauptsächlich für die Auftritte.pp
Verfolgst du als Dortmunder eigentlich die Champions League?


roughhouse Ja klar, das Finale ist unser heiliger Tag (lacht)!


Das heißt, du hast ein schwarz-gelbes T-Shirt im Schrank hängen?


roughhouse Und eine Mütze. Es wird vielleicht eine Überraschung für die Bayern-Fans, aber Dortmund wird gewinnen, auch wenn sie im Finale beschissen spielen. Das ist Schicksal, das kann man nicht stoppen (lacht). Durch die Liebe, die die Dortmunder ihrer Mannschaft entgegen bringen, werden sie genug Energie haben, um das Ding zu gewinnen. Das ist viel stärker als technique und skill.


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text: fsch
fotos: roughhouse | youtube


© reggae-interviews.de 2013


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