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20.10.2013 | Münster

Sprechstunde bei Herrn Miah

© Thomas Moormann

Unter der Woche lässt er Klassenarbeiten schreiben, nach Feierabend schreibt er seine eigenen Texte: Der 47-jährige Jörg Meier ist an seiner Schule als Lehrer bekannt, in der Reggaestadt Münster als Irie Miah. Auf dem legendären Bob-Marley-Konzert 1980 in Dortmund hat er sein Herz an die jamaikanische Musik verloren. Bis heute hat er bereits sechs Alben aufgenommen, fünf davon mit seiner Band, den Massive Vibes. Im kommenden Jahr feiert der Veteran 25-jähriges Bühnenjubiläum. Und am 31. Oktober steigt die Releaseparty der neuen LP "Showcase", auf dem sowohl Vocal- als auch Dubversionen erscheinen - wie auf einem Showcase-Album üblich.


Jörg, du bist schon einige Zeit dabei. Hat sich die deutsche Szene verändert?


irie miah Was mir auffällt ist, dass Livemusik im Vergleich zu den Shows von Soundsystems ein bisschen in die Ecke gedrückt wird. Vielleicht ist das aber auch nur eine spezielle Münsteraner Entwicklung.


Was meinst du woran das liegt?


irie miah Schwer zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele derjenigen, die heute zum Reggae kommen, gar nicht mit Livemusik groß geworden sind. Die lernen die Musik über die Soundsystems kennen. Es kommen aber auch nicht mehr diese vielen großen Acts vorbei, wie es früher mal war. In den frühen 80er Jahren habe ich in Münster zum Beispiel Burning Spear gesehen, ich hab Culture gesehen, Mutabaruka, Linton Kwesi Johnson, wen auch immer. Im Jovel (Club in Münster, r-i.de) gab es auch immer was, Third World und wie sie alle heißen. Später, in den 90er Jahren, war das überhaupt nicht mehr so. Da kamen die großen Acts nicht mehr. Oft wurde es zu teuer für die Locations, das muss auch an einer damals eingeführten Steuer für ausländische Künstler gelegen haben. Da ist irgendwie etwas weggebrochen und dadurch die Konserve, sage ich jetzt mal, nach vorne gekommen.




Kann das auch daran gelegen haben, dass es ganz wertungsfrei leichter und weniger zeitintensiv ist, Musik aufzulegen, als ein Instrument zu lernen?


irie miah Ja, klar. Das ist schon einfacher geworden. Und es kostet den Veranstalter auch weniger Geld. Eine ganze Band zu buchen ist einfach teurer.


© Thomas Moormann
Foto: Thomas Moormann


"Das Konzert fing an, man geriet in Trance, und dann wachte man irgendwann wieder auf. Das war schon Hammer."




Gibt es einen Moment, durch den du beim Regggae hängengeblieben bist?


irie miah Mit 14 Jahren bin ich 1980 beim Bob-Marley-Konzert in Dortmund gewesen. Das war's dann. Danach kam dann nichts anderes mehr (lacht). Da gibt es auch kein Konzert, was da jemals rankommt. Die Atmosphäre, gerade wenn du als Jugendlicher dort hin kommst, war natürlich eine Initialzündung.


Wie war es?


irie miah Die Westfalenhalle war natürlich total voll. Ich war mit einem Kumpel unten vor der Bühne. Meine Mutter hatte mich mit meinem Bruder gefahren, die waren also auch da. Dann fing das Konzert also an, man geriet in Trance, würde ich mal sagen, und dann wachte man irgendwann wieder auf. So kam mir das vor. Das war schon Hammer.


Kannst du beschreiben, wie Bob auf der Bühne war?


irie miah Nein, kann ich nicht. Das ist schon zu lange her. Ich war wie gesagt auch total weg. Da habe ich wenig Erinnerung dran. Du kommst sofort ans Tanzen, es waren so viele Leute da, mehr als anderthalb Quadratmeter Platz hattest du nicht. Ich habe von da unten auch nicht so viel von Bob gesehen. Wenn ich das Konzert jetzt noch mal in einer Aufzeichnung sehe, dann weiß ich aber noch genau, was ablief, irgendwie, innen drin.


Es ist also mehr ein Gefühl.


irie miah Genau so ist es. Immer wenn ich die Sounds höre, weiß ich, das ist das Dortmund-Konzert. Das würde ich immer wieder raushören.


War dir damals schon bewusst, was du da erlebt hast?


irie miah Nein. Ich hatte die Karte zum Geburtstag geschenkt bekommen und erst relativ kurz vorher eine andere Liveplatte von Bob Marley gehört. Erst nach dem Konzert habe ich mich da wirklich richtig eingearbeitet.


Schon ein knappes Jahr später ist Bob Marley gestorben.


irie miah Das war hart. Da war ich sehr traurig. Das Konzert war im Juni 1980, und Mitte Mai 1981 ist er gestorben. Ich habe das zuerst nicht glauben wollen, als die Nachricht kam.


Hast du damals schon geahnt, dass du etwas besonderes gesehen hast? Etwas, das du auch mal machen möchtest?


irie miah Nee. Selbst Musik zu machen ist damals für mich noch kein Thema gewesen. Aber diese Musik zu hören und Platten zu kaufen. Das konnte man in Münster ja auch relativ gut. Da gab es damals so einen kleinen "Jamaika-Import", so hieß das damals, das waren die Anfänge von Irie Records. Erst gab es Singles, manchmal Maxi-Singles. Da konnte man sich versorgen.


© Thomas Moormann
Foto: Thomas Moormann



"Roots? Das muss so sein. Wir können gar nicht anders."






Wann hast du den Schritt vom Hörer zum Sänger gewagt?


irie miah Das hat ein bisschen gedauert. 1989 habe ich als Sänger angefangen. Irgendwann Ende 1988 hat ein Bekannter, ein Drummer aus der Szene, gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zu singen. 1987 war ich gerade auf Jamaika gewesen - vielleicht haben die sich dann gedacht, fragen wir bei dem mal nach. Dann habe ich mit anderen, die von dem Drummer zusammengetrommelt wurden - buchstäblich (lacht) - tatsächlich angefangen, die Band Provibes zu gründen. Über die Jahre hat sich das entwickelt. 1994 haben wir eine CD aufgenommen. Das war damals schon was, eine tolle Sache. Wir waren elf Leute, Bläser, Percussion, das war gut.


Ist euch das Vorurteil begegnet, von dem man immer wieder hört, wenn man mit Veterans von damals spricht - dass nur Reggae aus Jamaika echter Reggae sei?


irie miah Ich glaube, das ist so ein spezielles deutsches Ding gewesen, dass man original sein musste. Wir sind allerdings gut angekommen, ziemlich gut sogar. In Münster waren wir so eine Art Kultband und sind auch mit unserem Roots Reggae durch Deutschland getourt.


Roots - das ist auch auf eurem neuen Album so geblieben.


irie miah Das muss so sein. Wir können gar nicht anders.


Zu acht schafft ihr es, einen ziemlich tiefen, dubbigen Sound herzustellen. Wo habt ihr aufgenommen?


irie miah Dieses Mal waren wir im Studio des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), die haben ein Medienzentrum, alles gut abgehangen und schallgedichtet. Das war gleichzeitig ein Projekt für einige Auszubildende des LWL, damit sie sich in ProTools einarbeiten konnten.


Da hat also eine Hand die andere gewaschen.


irie miah Auf jeden Fall, das war super. Deren Chef hatte mich auf einer Reggaeparty in Münster angesprochen und gefragt, ob wir bei dem Projekt mitmachen wollen.


© Thomas Moormann
Foto: Thomas Moormann


"Weil mir das Dubben so einen Spaß gemacht hat, habe ich bei "Showcase" gedacht, es wär doch schön, auch gleich die Dubs mit dabei zu haben."



Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?


irie miah Sehr. Wir haben alle gemeinsam aufgenommen, wie in alten Zeiten. Ich finde, das Album ist sehr gelungen.


Es hört sich wegen der gemeinsamen Aufnahme sehr organisch an.


irie miah Das stimmt. Wir haben keine Loops benutzt, wie das manchmal bei anderen Produktionen gemacht wird.


Warum habt ihr euch dazu entschlossen, mit einem Showcase-Album herauszukommen, bei dem ihr gleich alle Dubversionen der Songs mitliefert?


irie miah Na ja, der direkte Vorgänger „Dubmanity“ ist ein Dubalbum mit Stücken von der CD „Crime on humanity“ und der CD „In the fire“. "Dubmanity" ist jedoch nur als 12" Vinyl LP erschienen. Wir hatten mal Bock sowas zu machen, um zu hören, wie unser Sound auf Vinyl überkommt. Weil mir das Dubben so einen Spaß gemacht hat, habe ich bei "Showcase" gedacht, es wär doch schön, auch gleich die Dubs mit dabei zu haben. Da bot sich das Showcaseformat an. Hinzu kommt sicherlich auch, dass wir nur wenig Aufnahmezeit hatten. Die Stücke sind alle an zwei Tagen eingespielt worden. In der kurzen Zeit acht Songs mit gleicher Qualität aufzunehmen ist schon eine Herausforderung, dann aber nur acht Songs auf einer CD zu haben wäre auch nicht so toll gewesen. Das wäre dann schon eher eine EP, aber dieses Format reicht mir nicht.


"Don't be a fool, learn the golden rule" singst du bei "Don't lose your head". Was ist für dich diese "Goldene Regel"?


irie miah (lacht) Das kann jeder für sich selber herausfinden. "Verlier nicht den Kopf", "Fahr nicht aus der Haut". Ich denke mal, die Goldene Regel ist so etwas wie "Keep calm and carry on", immer die Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Letztendlich muss das aber jeder für sich selbst wissen, was für ihn diese Regel ist.


Gehst du auch so durchs Leben? Hauptberuflich bist du Lehrer...


irie miah Das bin ich, ja. Wo hast du das denn gehört? (lacht)


...und dann sprichst du davon, dass man sich nicht auf die Palme bringen lassen soll. Ist das auch dein Unterrichtsstil?


irie miah Manchmal muss man schon zur Ruhe kommen im Unterricht. Das geht aber nicht immer. Leben und leben lassen ist ein tolles Motto, aber an einer Schule muss es gewisse Regeln geben. Die gibt es in der Musik auch, aber da ist man schon ein bisschen freier und kann seinem Reggae-Gefühl etwas mehr Lauf lassen.


© Thomas Moormann
Foto: Thomas Moormann

"Es ist jetzt nicht so, dass ich mich andauernd gräme, aber wenn man von den Dingen liest, die wir Menschen verbraten haben, ist das schon schwierig."



Lehrer sind doch auch irgendwie Künstler, weil sie eigentlich permanent auf einer Bühne stehen.


irie miah Das kann man durchaus so sehen. Man steht schon vor einer Art Publikum.


Wissen denn deine Schüler, dass du Sänger bei einer Reggaeband bist?


irie miah Bei meiner früheren Schule schon. Ich bin jetzt an eine neue Schule gewechselt, dort ist das noch nicht so bekannt.


Wie waren denn die Reaktionen?


irie miah Unterschiedlich. Wie Schüler halt so sind, gerade, wenn sie jünger sind. Manche finden das ganz toll, manche sagen, dass das nicht so ihr Ding ist, und andere nerven einen dann auch damit. Wie das eben so ist. Aber die sind ja auch noch jung. Ich bin eben Sekundarlehrer für Erdkunde, Geschichte und Technik an einer Hauptschule.


Wie oft musstest du das Vorurteil "Reggae gleich Kiffen" richtigstellen?


irie miah Oh. (lacht) An der Schule ständig. Das ist schade.


"Nature strikes back" ist ebenfalls ein neuer Song. Ist das Thema Umweltschutz für dich als Erdkundelehrer etwas, das dich umtreibt?


irie miah Ja, das habe ich schon immer durchgehend in meinen Songs gehabt, zum Beispiel bei dem Lied "Smoking society", das sich um die Umweltverschmutzung durch CO² dreht. Bei "Immer in Bewegung" auf der CD „Crime on humanity“ geht es um die Veränderungen an der Natur, die wir wahrscheinlich nicht mehr zurückdrehen können. Allerdings hat das jetzt nicht unbedingt etwas mit meinem Beruf zu tun. Ich denke das sind Anliegen, die uns alle betreffen. Übrigens ist „Nature strikes back“ gar nicht so ein neuer Song, sondern von uns jetzt nochmal Live eingespielt worden, nachdem er schon auf dem gleichnamigen Album 1998 erschienen war, ebenso wie „In Jamaica“. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber noch nicht die Band wie heute, sondern habe mit Drumcomputer und Synthiebass produziert. Später kamen noch Bläser und Gitarre als Overdubs hinzu.


Warum beschäftigt dich der Umweltschutz so stark?


irie miah Das hat bestimmt mit meiner Sozialisation in den 80er Jahren zu tun, mit dem gleichzeitigen Aufkommen der Öko-Bewegung, der Grünen. Es ist jetzt nicht so, dass ich mich andauernd gräme, aber wenn man von den Dingen liest, die wir Menschen verbraten haben, so wie in Fukushima, ist das schon schwierig.


© Thomas Moormann
Foto: Thomas Moormann


"Wenn man für Liebe eintritt, dann ist Liebe Liebe, und da kann ich nicht für marschieren wie ein Krieger. Das passt für mich nicht zusammen."



Anderes Thema ist eine innere Wut, mit der du dich beschäftigst. In "Feuer" mahnst du eine gewisse Zurückhaltung an, nicht emotional überzukochen.


irie miah Es geht darum, dass wir von ständigen Pseudo-Aufregern, die drei Tage später schon wieder vergessen sind, andauernd aufgeputscht werden. Hinterher entpuppt sich der Skandal manchmal als gar nicht existent. Das meine ich zum Beispiel mit Halbwahrheiten, von denen ich in dem Stück singe. Ich meine damit aber auch eine gewisse Ignoranz gegenüber unserer rechten Seite. Wenn wir nicht aufpassen, erzeugen wir ein gesellschaftliches Klima, das den Nazis immer mehr Raum gibt. Das müssen wir verhindern.


Was regt dich noch auf?


irie miah Aufregen ist vielleicht zu hoch gegriffen. Aber in einem neuen Song thematisiere ich die Militarisierung von Sprache, die es auch im Reggae gibt. Jah Army, Jah Warrior - ich weiß, wie das gemeint ist, aber wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, ist es eigentlich nicht der richtige Weg, sich so sehr ins kriegerische hineinzuversetzen. Wenn man für Liebe eintritt, dann ist Liebe Liebe, und da kann ich nicht für marschieren wie ein Krieger. Das passt für mich nicht zusammen.


Das passt zu deinem Namen, wenn du dich irie nennst, muss man ja schon davon ausgehen, dass deine Texte auch viel Nachdenkliches in sich tragen.


irie miah Also erstmal nenne ich mich nicht selber so, sondern bin so genannt worden. Es gibt einen Song von Big Youth, in dem er über einen "man called I-remiah" toasted. Da meinte er natürlich den biblischen Propheten Jeremiah, der von den Rastas anders genannt wird. Ein Kumpel hat gesagt, das würde gut passen, weil ich manchmal schon ein bisschen irie sei und mein Nachname eben Meier ist. Das ist jetzt fast 30 Jahre her und hat sich gehalten. Und mit dem Namen identifiziere ich mich schon.


Wo willst du in den nächsten 30 Jahren mit den Massive Vibes hin?


irie miah Letztendlich müssen wir immer versuchen, als Band weiter bestehen zu können. Hin und wieder eine neue CD aufzunehmen und so viele Auftritte wie möglich zu spielen. Ich hätte natürlich auch nichts dagegen, mal beim Summerjam oder wieder wie 2001 beim Reggaejam aufzutreten.



Das neue Album "Showcase" von Irie Miah & The Massive Vibes erscheint am 31. Oktober 2013 und ist auf der Webseite der Band erhältlich.


____________________________________________________________


text: fsch
fotos: Thomas Moormann


© reggae-interviews.de 2013


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 Irie Miah

Aus

Münster

Gegründet

1998

Mitglieder

Jörg "Irie Miah" Meier (Vocals)
Martin Musch (Drums)
Andreas Hauser (Bass)
Dirk "Tiffel" Davids (Keyboard, Organ)
Bertold Degenkolbe
(Gitarre)
Detlef Wiesnewski (Trompete)
Karsten van Husen (Saxophon)

Termine

31.10.13 - Münster - "Showcase"-Release- Show (Frauenstrasse 24)

LinkUp

Irie Miah im Netz |
Irie Miah bei Facebook |
Irie Miah bei myspace |
Video zur Produktion der "Showcase"-LP |

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